
Foto: SunStyle
Solarziegel im Denkmalschutz: Wenn Energiewende auf Ortsbildschutz trifft
Ein Schweizer Landwirt wollte seine historische Scheune mit Photovoltaik ausstatten, ohne das geschützte Ortsbild zu stören. Das Projekt zeigt, welche Potenziale gebäudeintegrierte Solarsysteme für den Bestand bieten.
Am Ufer des Zugersees in der Schweiz steht eine Scheune aus den 1940er Jahren. Ihr Besitzer, Hanspeter Knüsel, wollte die Dachfläche energetisch nutzen. Ein auf den ersten Blick naheliegender Schritt, der sich jedoch als kompliziert erwies: Der Hof liegt in einem durch das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) geschützten Gebiet. Konventionelle Solarmodule kamen damit nicht in Frage.
Das ISOS erfasst Siedlungsbilder von nationaler Bedeutung und setzt enge Grenzen für bauliche Veränderungen. In der Praxis bedeutet das: Wer in solchen Zonen bauen will, muss zeigen, dass sein Vorhaben das historische Erscheinungsbild nicht beeinträchtigt. Für viele Bauherrn ist das faktisch das Ende jeder Solarplanung, zumindest mit herkömmlicher Technik.
Gebäudeintegriert statt aufgeständert
Die gewählte Lösung setzt auf ein gebäudeintegriertes Ziegelsystem, das bündig mit der Dachoberfläche abschließt. Die sogenannten Dragon-Scale-Ziegel des Schweizer Unternehmens SunStyle werden in einem überlappenden Schuppenmuster angeordnet, ähnlich traditionellen Dachziegeln. Das System ist rahmenlos, was Wasseransammlungen verhindert und den natürlichen Abfluss fördert. Ein Gummistreifen am oberen Rand jedes Ziegels schützt zusätzlich vor windgetriebenem Regen.
Für das Scheunendach wurden rund 1.250 solcher Ziegel installiert. Die Anlage erreicht eine Spitzenleistung von 154 Kilowatt-Peak und kann laut Projektdaten in ertragreichen Jahren bis zu 170.000 Kilowattstunden erzeugen.
Strukturelle Anforderungen als Planungsparameter
Was das Projekt technisch anspruchsvoll macht, ist weniger die Denkmalschutzauflage als die statische Situation des Gebäudes. In der Scheune ist eine Heugreifmaschine in Betrieb, die Lasten von bis zu einer halben Tonne bewegt und dabei stoßartige Kräfte auf den Dachstuhl überträgt. Starre Solarmodule wären damit von vornherein ausgeschieden, da sie solche Bewegungen nicht aufnehmen könnten, ohne zu brechen oder undicht zu werden.
Das eingesetzte Ziegelsystem ist flexibel genug, um diese dynamischen Belastungen zu absorbieren. Für Architektinnen und Planer, die mit ähnlichen Bestandssituationen konfrontiert sind, ist das ein relevanter Planungsparameter: Die mechanische Kompatibilität mit der bestehenden Tragstruktur ist mindestens ebenso wichtig wie der Energieertrag.
Monitoring als Eigenverantwortung
Die Leistungsüberwachung liegt beim Betreiber. Knüsel nutzt ein Smart Meter, das die Erträge einzelner Dachabschnitte in Echtzeit erfasst. Dieser Ansatz entspricht einer Tendenz, die in der Gebäudetechnik zunehmend diskutiert wird: offene Schnittstellen statt herstellergebundener Insellösungen, mit Datenhoheit beim Nutzer.
Impulse für die Gemeinde
Knüsel beschreibt seinen Ausgangspunkt vor rund elf Jahren als Pionierposition: „Damals war das noch ein kleines Nischenprodukt." Inzwischen interessieren sich auch Nachbarn mit denkmalgeschützten Gebäuden für ähnliche Lösungen. Er plädiert dafür, dass Behörden und Gemeinden solche hochwertigen, ortsbildverträglichen Produkte aktiv einfordern, anstatt konventionellen Installationen zuzustimmen, die das Erscheinungsbild prägen.
Das ist eine Einschätzung, die über den Einzelfall hinausgeht. Solange Planungsbehörden gebäudeintegrierte Photovoltaik nicht aktiv als Referenzlösung im Denkmalschutzkontext verankern, bleibt das Wissen darüber weitgehend dem Zufall überlassen. Das Projekt am Zugersee zeigt, dass die technischen Voraussetzungen vorhanden sind. Was fehlt, ist die systematische Verankerung solcher Lösungen in Planungs- und Genehmigungsprozessen.

