Foto: Alexander Paul Brandes

Foto: Alexander Paul Brandes

Fliegende Platten in Stendal: WBS-70-Umbau von undjurekbrüggen

Published On: 5. Juni 2026

In Stendal stehen viele Plattenbauten leer. Einen davon wollen undjurekbrüggen zu einem Terrassenhaus umbauen – indem sie gezielt Betonelemente entfernen lassen. 
 
Architekt Jurek Brüggen stieß bei einem spontanen Halt in Stendal auf die zahlreichen WBS-70-Bauten, die die DDR hier einst errichtet hatte. Nach der Wende zogen viele Menschen weg, die Wohnungsbauten standen leer, etliche riss die Stadt ab. Kurz nach seinem Besuch las Brüggen in der Lokalzeitung vom Mangel an Bauland für Einfamilienhäuser. Naheliegend, dass er sich die Frage stellte: Ginge nicht beides – Platten bewahren und die Sehnsucht nach Haus samt Garten stillen?

Mit seinem Berliner Büro entwickelte er die Idee des Einfamilienhaus-Hauses: Einzelne Platten herausnehmen, um grüne Terrassen auf allen Etagen zu ermöglichen. Die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark (WBGA) stellte den Architekt*innen einen leerstehenden Riegel in Stendal-Seestadt zur Verfügung, an dem sie das Projekt erarbeiten konnten.

Foto: Aimée Michelfelder, AFEA, undjurekbrüggen

Selektiver Rückbau 

Aus 80 Einheiten sollen 30 Wohnungen in 15 Variationen werden, viele doppelgeschossig. Die meisten ausgebauten Deckenplatten werden wiederverwendet – als aufgedoppelte Böden der Terrassen. So können sie die zusätzliche Last der Begrünung tragen. An zwei Stellen wollen undjurekbrüggen den Riegel komplett durchschneiden, um „vertikale Straßen" zu schaffen.

Statisch ist das anspruchsvoll: Plattenbauten besitzen null Lastreserven, betonen auch die Ingenieure von EiSat (Berlin). Nicht einmal eine abgehängte Decke lässt sich ohne Weiteres ergänzen. Daher müssen die Bodenbeläge durch leichtere ersetzt werden, Ringanker übernehmen Tragfunktionen, wo es zuvor Deckenplatten taten. Die großen Durchschnitte des Riegels erzeugen neue Windangriffsflächen, weshalb die alten Treppenhäuser zur Aussteifung eine zusätzliche Wand erhalten.

Foto: Alexander Paul Brandes.jpg

Foto: Alexander Paul Brandes

Stigma und Kompromiss 

Auch wenn die Architekt*innen das Projekt Einfamilienhaus-Haus tauften – das Stigma der Platte bleibt ein Thema. „Es wird immer ein Kompromiss sein", sagt WBGA-Vorstand Lars Schirmer. Brüggen sieht das freilich anders. Das Gebäude soll Menschen ansprechen, die sonst ein Einfamilienhaus bauen würden, beispielsweise Zuzügler aus Wolfsburg oder Berlin.

Der Rückbau ist weitestgehend abgeschlossen, die Ausführungsplanung allerdings noch nicht beauftragt. Die Bauherrschaft klärt noch die Finanzierung. Für das Projekt will sich die WBGA mit einer neuen Genossenschaft zusammenschließen. Auch ein Investor wäre hilfreich, um die Beiträge der Genossenschaftler abzufedern.

Durchaus ironisch ist, dass die Finanzierung des Rückbaus über Mittel der Städtebauförderung lief. Diese Gelder dienen eigentlich dem Abriss leerstehender Gebäude, um eben jenen Leerstand zu beseitigen. Hier kehren sie das Schicksal um: Die WBGA will nun sogar zwei weitere Plattenbauten in Stendal-Stadtsee erhalten.

Dieser Text basiert auf einem redaktionellen Beitrag von BauNetz Meldungen. 

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