
Foto: Marcus Jacobs
KI-Tools für die Bauwende – eine Reise ins Wunderland
In seinem Impulsvortrag zur Podiumsdiskussion beschreibt Hanns-Jochen Weyland die aktuelle Situation der Architekturbranche als eine Reise ins Wunderland, inspiriert von Lewis Carrolls berühmtem Buch. Wie Alice folgen wir dem weißen Kaninchen, getrieben von Neugier und dem Druck, „etwas mit KI zu machen“. Plötzlich befinden wir uns in einer Welt voller faszinierender Möglichkeiten , aber auch voller absurder Logiken und überzogener Erwartungen. Wir sind am „Gipfel der überzogenen Erwartungen“: Die Visionäre sind schon weiter, doch in der Praxis herrscht Unsicherheit.
Weyland stellt die provokante Frage: „Technologie ist die Antwort – aber was war die Frage?“ Genau das ist der Kern des Themas. KI darf kein Selbstzweck sein. Bevor wir Tools einführen, müssen wir uns fragen: Wollen wir Prozesse beschleunigen? Nachhaltigkeit integrieren? Oder eine neue Ästhetik schaffen?
Die zentrale Botschaft: KI ist kein einzelnes Werkzeug, sondern ein ganzes Ökosystem. Deshalb braucht jedes Büro klare Richtlinien und eine Strategie. Der Vortrag schlägt drei Handlungsfelder vor:
- Digital Design Support: KI erzeugt in Sekunden Bilder und Varianten. Das klingt verlockend, doch die eigentliche Arbeit beginnt danach: Kuratieren, bewerten, entscheiden. Der klassische Entwurfsprozess vom Groben ins Feine wird auf den Kopf gestellt – wir starten sofort mit fertigen Bildern.
- Digital Optimization: Hier geht es um Grundrissanalysen, Performance und erste Nachhaltigkeitsbewertungen. Die Tools existieren, sind aber komplex. Wer sie beherrscht, kann schon in frühen Leistungsphasen wichtige Weichen stellen.
- Digital Information Management: Jenseits der Architekturmodelle schlummern riesige Datenmengen in E-Mails, Protokollen und Archiven. KI kann helfen, dieses Wissen nutzbar zu machen – vorausgesetzt, wir strukturieren unsere Daten und schaffen eigene Wissensbasen.
Doch Weyland warnt: KI liefert keine Wahrheit, sondern eine mögliche Wahrheit. Automatisierung ist mächtig, aber fehleranfällig. Die Kompetenz des Architekten bleibt unverzichtbar. Am Ende geht es nicht um Technik, sondern um Haltung: Wollen wir ein Büro, in dem die Maschine den Rest macht? Oder sehen wir KI als Werkzeug, das uns unterstützt, aber nicht ersetzt?
Die Reise ins Wunderland ist also kein Märchen, sondern Realität. Sie fordert uns heraus, neugierig zu bleiben, kritisch zu denken und den Mut zu haben, eigene Wege zu gehen – bevor wir uns im Labyrinth der Möglichkeiten verlieren.
Die anschließende Diskussion macht deutlich: KI wird die Architekturbranche grundlegend verändern, bleibt aber ein Werkzeug, kein Ersatz für Expertise. Die Chancen liegen in der Beschleunigung von Prozessen, der frühzeitigen Integration von Nachhaltigkeit und der schnellen Generierung vielfältiger Varianten. Gleichzeitig bestehen Herausforderungen: Ergebnisse müssen kritisch geprüft werden, branchenspezifische Daten fehlen oft, und die Integration eigener Wissensbestände erfordert Aufwand. Die Zukunft gehört spezialisierten KI-Modellen und Dienstleistern, während Nachhaltigkeit schon in den frühen Leistungsphasen berücksichtigt werden muss.
Jetzt ist der Moment für Architekturbüros, zu experimentieren, eigene Daten zu nutzen und Wissen aktiv zu teilen – denn nur so lässt sich die Bauwende erfolgreich gestalten.
Teilnehmer waren:
Jan Krause – Professor für Architektur und Media Management an der Hochschule in Bochum als Moderator
Evelyn Lotter – Leiterin der Weiterbildungsinstitution von Graphisoft
Christina Gresser von Studio seg Berlin
Nilas Möllenkamp von Syte
Hanns-Jochen Weyland von Störmer Murphy and partners
Von Sabine Schneider

